Uhuru

Reportage-ähnliche Kurzprosa aus Kenia von Leonhard F. Seidl

Wir waren auf dem Weg ins Uhuru-Gebäude, ein riesiger Beton-Komplex, eingebettet zwischen einer Tankstelle und einem kleinen Markt mit grob gezimmerten Holzständen, auf denen Früchte, Gemüse und Kleider feilgeboten wurden. Kurz vor dem Eingang stoppte Jella und deutete auf einen Pulk, der sich langsam in der Mittagshitze vorwärts schob. Als uns die Menschenmenge erreicht hatte, sahen wir die aufgebrachten Gesichter: Marktfrauen, die gerade noch Bananen verkauft hatten, Kinder, manche in braun-grünen Schuluniformen, aber auch Büroangestellte in Anzügen und zerlumpte Straßenkinder. Ein dicker Mann in einem beigen Poloshirt hastete vorneweg. Er zog eine Frau hinter sich her. Die einfach gekleidete Frau hatte eine Hand mit einer Handschelle gefesselt, der Mann zog an der anderen Schelle, die nicht geschlossen war. Ein Shirt lag über den Händen, mit dem er versucht hatte, die Handschellen zu überdecken. Nervös tasteten seine Augen die Umgebung ab, probierte er, mit seinem Handy zu telefonieren, zog die Frau immer weiter hinter sich her. Sie hielt sich an einem Marktstand fest, ihr ausgebleichter Rock verfing sich am Holz, die Orangen und Mangos wackelten auf den Holzbrettern. Immer enger schloss sich die Menge um die beiden. Ich packte meine Kamera aus, zögerte, drehte die Schutzkappe hin und her.

In einem Reiseführer hatte ich gelesen, dass es in Kenia verboten ist, von Polizeistationen Fotos zu knipsen; und von Polizisten?! Aber vielleicht war es ein Menschenjäger oder ein wütender Ehemann?!

Plötzlich stand ein dürrer Mann mit Brille neben mir.

Take a picture!“, sagte er und deutete mit seiner Zeitung auf meine Kamera.

Wieder zögerte ich. Dann nahm ich die Schutzklappe ab. Ich schoss zwei Bilder und noch eins.

Jetzt passierten wir den Bereich des Marktes, in dem die Fleischer ihre Stände hatten. Von Sehnen, Adern und Muskeln durchzogene Ziegen- und Rinderhälften hingen an den Haken, dahinter standen Männer in weißen Kitteln, um das Fleisch kreisten Fliegen. Der Mann mit dem Handy schleifte die Frau weiter hinter sich her, die Menge folgte ihm. Es stank nach totem Tier.

Der Mann mit der Brille war wieder verschwunden, eine kleine zierliche Frau in einer blau-braunen Kitenge, einem traditionellen Kleid, lief jetzt neben mir. Ich fragte sie, was passiert sei. Aber sie schüttelte nur den Kopf.

Da erreichten wir die Hauptstraße, die zwischen dem Marktplatz und einer Häuserreihe mit Bars, Hotelis und anderen Geschäften lag, vor denen Schuhputzer, Zeitungsverkäufer, Uhrenmechaniker und andere Händler ihrem Business nachgingen. An anderen Tagen war der Marktplatz ein Ort heiteren Treibens, erfüllt von geschäftigem Gebrabbel. Die Waren geschützt von ausgebleichten Regenschirmen als Schutz gegen die Sonne und um Kunden wetteifernde Frauen in rotkarierten Schürzen oder um die Hüften geschlungenen Kangas2 mit Rosen, Tieren oder anderen Motiven. Aber heute lag die ganze Aufmerksamkeit auf dem brutalen Dicken, der jetzt am Straßenrand stehen blieb. Neben ihm der gelbe Container, auf dem sich jeden Tag zerlumpte Straßenkinder tummelten, um Joghurtpackungen, Obst, Gemüse und Brot zu erbeuten. Der Inhalt des Containers verströmte einen fauligen Geruch, den die Hitze noch verstärkte.

Ich fragte den Dicken was passiert sei, aber er gab mir keine Antwort, hackte immer wieder auf die Tastatur seines Handys, ohne die Handschelle auch nur eine Sekunde loszulassen. Ich fotografierte ihn noch einmal. Plötzlich fingen die Menschen zu laufen an, drückten, schoben sich voreinander her. Ich hörte Motorengeräusch, Menschen kreischen, drehte mich um und sah einen dunkelblauen Lastwagen, der auf uns zu raste. Auch Jella und ich rannten davon. Von der Ladefläche des Wagens hüpften drei Männer, einer hielt eine Flasche Tränengas in der Hand. Auf der Seitentür des Wagens stand Kisii Police Office, darunter prangte ein goldener Stern. Ich drehte mich von dem Wagen weg und holte mit zitternden Händen die Speicherkarte aus der Kamera, drückte sie Jella in die Hand und schob eine andere hinein. Zu meinem Erstaunen löste der Polizist die Handschelle der Frau und ließ sie gehen. Dann drängte er sich durch die Menge ohne mich aus den Augen zu lassen: „Wer bist du, dass du ein Bild von mir machen darfst?“

Ich bin ein Journalist aus Deutschland“, sagte ich auf Englisch.

Zeig mir deinen Presseausweis!“

Den habe ich zu Hause“, antwortete ich und deutete auf den Hügel am Ende der Stadt, wo wir ein Zimmer gemietet hatten.

Ich hielt ihm meinen Personalausweis unter die Nase.

Wer bist du?“, wiederholte er wütend, packte mich am Arm und befahl mir auf den Laster zu steigen.

Ich ging mit ihm, stieg auf den Laster und blieb stehen; die Plane war zurückgeklappt. Ich erhaschte einen besorgten Blick von Jella.

Ich kam mir vor wie ein einem schlechten Film über eine südamerikanische Militärdiktatur. Aus meiner Fototasche, holte ich mein Notizbuch hervor und warf es Jella zu. Ein Raunen ging durch die Menge.

Ruf das Rote Kreuz an, die Hotline für Journalisten in Not!“, rief ich mehrmals auf Englisch, damit es auch die Polizisten verstehen konnten. Einige der Polizisten, alle in zivil, sprangen vom Wagen, um Jella festzunehmen. Aber der Mann mit der Brille führte sie weg. Und auch die Menge stellte sich schützend vor sie. Die Polizisten erkannten, dass sie keine Chance hatten, machten kehrt und stiegen wieder auf die Pritsche des Wagens. Einer hob seine Tränengasflasche hoch, den Finger am Ring, um sie zu öffnen. Er fragte den Dicken, ob er es einsetzen solle, was der aber verneinte. Da setzte der Wagen zurück, fuhr in der entgegengesetzten Richtung davon und ließ die Menge stehen. Die Polizisten blickten sich immer wieder über die Schulter. Jella war verschwunden.

Ich setzte mich neben eine eingeschüchterte Marktfrau, mit Plastikbehältern voller Mandaazi, eine Art Fettgebackenes auf dem Schoß. Der Wagen stoppte und weitere Frauen mussten aufsteigen.

Unsere Freund Caleb, in dessen Nachbarschaft wir wohnten, hatte uns erzählt, dass häufig Frauen festgenommen wurden, weil sie ohne Genehmigung Speißen verkauften. Meist wurden sie erst wieder frei gelassen, wenn sie die Polizisten ausreichend geschmiert und ihnen ihr Essen überlassen hatten, was in Kenia ein offenes Geheimnis ist.

Was habt ihr getan?“, fragte ich flüsternd.

Sie antwortete nicht. Dafür schien sie den anderen Frauen auf Kisuaheli zu erzählen, was ich getan hatte. Die anderen saßen eingeschüchtert auf den Bänken, eine telefonierte mit ihrem Handy.

Wir fuhren durch die Straßen, die Leute starrten mich an, unterhielten sich, einige besorgt, vereinzelte amüsiert, andere teilnahmslos. Der Polizist schoss sich erneut auf mich ein, wer ich sei, warum ich einfach ein Bild von ihm gemacht habe. Ich erwiderte, ich sei ein Journalist aus Deutschland und das meine Freundin das Rote Kreuz angerufen hat und die Untersuchungen einleiten werden. Da spielte sein Handy ein Lied des südafrikanischen Menschenrechtsaktivisten Lucky Dube: „All they build will be prisons.“

Der Dicke ging ran. In seinem Genick rollten sich Fettwülste in der Größe einer Wienerwurst, gesalzen mit Schweißtropfen. Auch ich zog mein Handy hervor und wählte Jellas Nummer, rechnete jeden Augenblick damit, dass es mir abgenommen oder aus der Hand geschlagen wurde. Aber nichts geschah, auch am anderen Ende der Leitung nicht, ihr Akku war wohl leer. Dann versuchte ich es bei Caleb.

Mittlerweile waren wir wieder am Markt angelangt. Aber die Polizisten hatten dadurch keineswegs ihr Ziel erreicht: Erneut schloss eine Menschenmenge den Wagen ein. Manche machten ein Victory-Zeichen in meine Richtung, andere hoben die Daumen nach oben, die Mehrheit sah mich fragend an. Aber Jella war nicht zu sehen. Der Wagen fuhr wieder an und ich hörte Calebs Stimme.

Wir fahren zur Polizeistation. Ruf einen Anwalt an!“, rief ich und beobachtete die nicht vorhandene Reaktion des Polizisten.

Wir bogen in das Polizeigelände ein: Kisii Prison. An einem Mast baumelte eine Kenia-Flagge. Zu meiner Erleichterung standen Jella, Caleb und der Mann mit der Zeitung im Hof, was mir für einen Augenblick wieder Hoffnung gab. Wieder forderte ich sie unüberhörbar auf, das Rote Kreuz und einen Anwalt zu rufen. Der Pritschenwagen fuhr rückwärts an den Eingang heran und wir mussten vom Wagen springen. Meine Hoffnung wurde verdrängt von einer dunklen Zelle voll Mördern, Vergewaltigern und Dieben, die einen Mezungu schon immer einmal für sich alleine haben wollten. Eine Polizistin in blau-weißer Uniform stand am Eingang und glotzte mich erstaunt an. Sie führte uns hinter eine Theke, wo ihr Kollege auf uns wartete.

Ich bin ein Journalist aus Deutschland. Meine Freundin hat schon das Rote Kreuz und einen Anwalt informiert“, sagte ich auf Englisch.

Da kam der Chief Officer, der OCS, in khakifarbener Uniform aus seinem Büro. Auf seinen Schulterklappen glänzten mehrere silberne Sterne. Er winkte mich auf die andere Seite der Theke und forderte mich auf ihm zu folgen. „Mach hier nicht so einen Lärm“, brummelte er genervt, „du bist hier in Kenia.“

Dankbar für den Hinweis und der Tatsache vorerst der Zelle entkommen zu sein, ging ich hinter ihm her. Fettwülste rollten sich im Genick. Auch der Dicke trottete mit gebeugten Schultern hintendrein.

Der OCS ließ sich in einen Ledersessel fallen. Ich streckte ihm die Hand entgegen und fragte „Habari?“, „Wie geht’s?“

Er reagierte nicht. Ich hielt ihm die Hand eine gefühlte Ewigkeit hin. Dann verschwand sie doch noch in seiner aufgequollenen Patsche.

Ich setzte mich, auch der Dicke nahm neben mir Platz und berichtete auf Kisuaheli, was vorgefallen war. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Ich musterte den Nacken des OCS und fragte mich, ob es wohl für jeden Stern eine Fettwulst zur Belohnung gab und begann szu zählen.

Noch bevor ich damit geendet hatte, wandte sich der Wurstnacken an mich und sagte, ich solle mich ausweisen. Ich holte meinen Personalausweis heraus und wiederholte erneut Journalist, Deutschland, Presseausweis, Rotes Kreuz …

Hier in Kisii gibt es viele Journalisten. Hast du schon einmal einen gesehen, der einen Polizisten fotografiert hat?“

Ich antwortete, dass ich nicht wusste, dass es sich um einen Polizist gehandelt und ich ihn gefragt habe, was passiert sei.

Hast du Fotos von mir gemacht?“, fragte der und wischte sich den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn.

Der Officer befahl mir die Bilder zu zeigen, was mir wiederum Zeit gab, die Frage nicht zu beantworten. Stattdessen schaltete ich die Kamera an, die ich die ganze Zeit auf den Knien gehalten hatte, um meinen Journalistenstatus zu unterstreichen. Ich drückte auf Review und die beiden rückten näher an mich heran; ich roch kalten Schweiß. Auf dem ersten Bild waren ausschließlich Mezungus bei einer Geburtstagsfeier in Fürth um einen Tisch versammelt. Der Dicke grunzte. Ich drückte weiter.

Das ist meine Freundin mit der kenianischen Theatergruppe.“

Immer mehr Bilder huschten über den kleinen Bildschirm, aber die Bilder von der brutalen Festnahme waren nicht zu sehen. Der Officer wurde ungeduldig, der Dicke fuhr sich verzweifelt durch die nicht vorhandenen Haare.

So, so. Deine Freundin oder deine Frau?“, sagte der OCS und räkelte sich in seinem Chefsessel.

Meine Freundin.“

Ich ahnte, was als nächstes kommen würde.

Wie alt bist du?“

33.“

Und du bist noch nicht verheiratet?“       

Ich wusste, dass es für Kenianer in meinem Alter eine Schande war, noch nicht verheiratet zu sein und keine Kinder zu haben.

Da klopfte es wieder. Jella und Caleb kamen herein. Jella gab mir meinen Internationalen Presseausweis und setzte sich neben mich. Trotzig hielt ich ihn dem Officer unter die Nase.

Das ist aber kein Pass. Und wo ist dein Pass?“, fragte er Jella.

Caleb stand die ganze Zeit im Hintergrund. Er verabschiedete sich umgehend wieder um die Pässe zu holen.

Da läutete das Handy des OCS. Er hob ab.

Wo hast du es versteckt?“, fragte ich Jella, darauf bedacht, keine Wörter zu verwenden, die er verstehen könnte, wie Karte oder Kamera.

In meinem BH.“

Ich musste grinsen. Das Oberwürstchen beendete das Gespräch.

Wenn ihr euch unterhaltet, dann in Englisch“, befahl er streng.

Wieder läutete sein Handy.

So, das ist also deine Freundin?“, sagte er, ohne das Handy aus der Hand zu legen.

Wie alt bist du denn?“

Auch dieses Mal wusste ich, auf was er hinauswollte. Wenn in Kenia ein Mann oder eine Frau mit einem jüngeren Mann oder Frau unter 18 eine Beziehung hat, konnten sie dafür eingesperrt werden.

19.“

In Kenia gibt es ein Gesetz“, erklärte er genüsslich, „dass eine Beziehung zwischen

einem älteren Mann und einer Frau unter zwanzig verbietet. Wenn die Frau noch von ihren Eltern unterstützt wird.“

Tja“, antwortete ich nicht weniger genüsslich, „in Deutschland erhält man bis man 25 Jahre alt ist Kindergeld vom Staat.“

Es klopfte erneut und Caleb stand mit meinem Brustbeutel in der Hand in der Tür, in dem die Pässe waren. Er gab ihn mir und ich legte sie dem OCS vor die Nase, der viel zu lange darin blätterte. Caleb fragte auf Kisuaheli, was los sei und der dicke  Polizist begann zu berichten. Der OCS wies ihn schroff zurecht, er solle leise sein, er hat hier nichts zu sagen.

Caleb erzählte uns später, der OCS habe ihn gebeten, die Bilder nicht zu veröffentlichen. Außerdem wollte er wissen, wie wir nach Kisii gekommen seien. Als ich das Polizeigebäude verließ, begrüßte mich der Mann mit der Zeitung, der Morara hieß und ein Junge, der am Markt neben mir gestanden hatte. Beide fragten mich, wie es mir ginge. Ich sog die Luft tief ein. Es roch nach Rauch.

Vielen Dank Caleb“, sagte ich und sprach meine Sorge aus, „ich hoffe, du wirst dadurch keine Probleme bekommen.“

Mach dir da mal keine Gedanken“, beruhigte er mich, „der korrupten Polizei muss man zeigen, dass sie nicht machen kann, was sie will. Der OCS wollte sich eben ein kito kidogo, eine Kleinigkeit, dazuverdienen.“

In der darauffolgenden Nacht wachten wir mehrmals auf, da die Hunde lauter kläfften als in den vorherigen Nächten.

Kurz vor meiner Abreise fuhr ich auf einem Piki-Piki, einem Motorradtaxi, zu unserer Wohnung. Ich unterhielt mich mit dem Fahrer über die Polizisten und er erzählte mir, dass etliche seiner Kollegen samt Motorrädern auf der Wache gelandet waren. Ich lachte und sagte, dass ich da auch schon mal war.

Ach du warst das“, sagte er, „ich habe davon gehört. Was war denn da los?“

Ich begann zu erzählen: „Wir waren auf dem Weg ins Uhuru Gebäude.“


Legende:

1 Uhuru ist Kisuaheli und bedeutet wörtlich Freiheit von Sklaverei und Befreiung. Im Freiheitskampf der ostafrikanischen Länder wurde der Begriff gleichbedeutend mit Unabhängigkeit.

2 Afrikanisches Wickeltuch

Zum Profil des Autoren

Das Kopieren, Verbreiten und Vervielfältigen dieser Kurzgeschichte unabhängig von Litafrika.com ist ohne die ausdrückliche Genehmigung der Autorin verboten! Alle Teile dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt. Möchten Sie diese Kurzgeschichte teilen, nutzen Sie bitte die entsprechenden „Share-Funktionen“, kopieren den Link oder fragen via Mail bei Litafrika.com an.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.