Die Dynamik einer Geschichte

Eine Gastrezension von Sophie Weigand

Es gibt keine Geschichte, die nicht eingebettet wäre in eine noch größere Geschichte. Nicht überall gilt die Vergangenheit als etwas, das man unbedingt hinter sich lassen muss, um vorwärts zu gehen. Sie ist mancherorts auch etwas, das man in Form von Geschichten und Anekdoten weitergibt an seine Kinder und Kindeskinder. Die namenlosen Nachgeborenen sind es, denen in Dieses Haus ist nicht zu verkaufen eine Stimme verliehen wird. Im Mittelpunkt steht unzerstörbar „die Familie“. Sie und ihr geräumiges Haus bilden das Zentrum, in dem alle Fäden von E.C. Osondus episodischem Roman zusammenlaufen. Der Großvater als Oberhaupt und Autorität in allen Fragen wird von Hausbewohnern um Rat gebeten und von Stadtbewohnern als Streitschlichter engagiert, er mischt sich ein und thront über allen Tagesgeschäften und Verhandlungen von Menschen in der Umgebung. Nicht nur Alter und Erfahrung verhelfen ihm zu einigem Ansehen, auch seine Geschäftstüchtigkeit macht in der Kleinstadt von sich reden; nicht immer positiv. Es gäbe nichts, was in diesem Haus nicht vor sich ginge, heißt es, nichts, was dort des Geldes wegen nicht geschähe.

Osondu, der seine literarische Laufbahn mit Lyrik begann und schließlich mit Erzählungen fortsetzte, führt in kurzen Episoden ganz verschiedene Geschichten und Charaktere ein. Die kurze, prägnante Form liegt ihm. Es sind Geschichten von Kämpfen, Niederlagen, Zusammenhalt, Aberglaube und Gewalt, die den Landstrich und seine Menschen prägen. Da treten zwei Händler gegeneinander an, im Kampf um das profitabelste Geschäft („Grammophon“). Eine junge Frau wird wegen eines Diebstahls durch die Straßen getrieben und wüst gedemütigt („Ndozo“). Ein Mann tötet in blinder Wut den Liebhaber seiner Frau und geht als Verbrecher aus Leidenschaft in die Annalen ein („Abule“). Ein Verwandter kehrt „aus Ausland“ zurück mit einem ominösen Studium, das er niemandem begreiflich machen kann („Bruder Julius“) und hält obskure Feierlichkeiten ab. Ein anderer wird vom Großvater unter die Fittiche genommen, weil ihm seit jeher alles misslingt, was er anpackt („Gabriel“). Ob es der Yams-Anbau ist, die Tomatenernte oder der Einstieg in die Holzwirtschaft, nichts geht lange gut oder sorgt für ein Auskommen. Er ist ein tragischer Held im Gewand eines Dorftrottels. Oft sind es entfernte Verwandte, Onkel, Tanten, Brüder und Schwestern, die im Haus aus diversen Gründen Zwischenstation machen. Ihnen allen gemein ist, dass ihre persönlichen Angelegenheiten nicht im Privaten verhandelt werden, sie sind Teil der Chronologie aller.

Neben nahezu heiteren Anekdoten, an deren Ende fast immer ein humorvoller, lehrreicher Gedanke steht, lenkt Osondu sein Augenmerk auch auf die dunklen Seiten der Gemeinschaft. Es geht um die geduldete und alltägliche Gewalt gegen Frauen, die gegen ihren Willen verheiratet, vergewaltigt und geschwängert werden; was zählt ist, das sie ansehnlich sind für ihre Männer und die nicht „um Erlaubnis fragen“ müssen, bevor sie sie lieben. Manch eine Geschichte muss den westlichen Betrachter verstören; etwa wenn ein krankes Kleinkind mit Zustimmung der Eltern getötet wird, weil ein Heiler den Lebensunwillen des Kindes diagnostiziert und es am Ende beschwichtigend heißt, es habe auch nicht um sein Leben gekämpft. Dieses Haus ist nicht zu verkaufen gibt den Blick frei auf die afrikanische Gesellschaft, die bei Osondu gezeichnet ist von familiärem Zusammenhalt und gemeinschaftlichen Traditionen, aber auch von Armut, Korruption und Spiritismus. Da werden HändlerInnen enteignet, um mit den enteigneten Waren selbst Profit zu machen oder geschickt ausgehandelt, einen Bewohner zwar für sein Verbrechen zu verurteilen, jedoch einen unbeteiligten Freiwilligen dafür ins Gefängnis zu schicken. Die, die fehlgehen, lügen und von niederträchtiger Natur sind, werden allerdings vom Leben selbst bestraft. Darin sind alle einig: Das Schicksal lässt jedem eines Tages das zukommen, was er verdient. Auf das Durchgreifen des Gesetzes kann und will sich niemand verlassen.

Der Text vermittelt nicht nur Geschichten, sondern stets auch das Gerede über die Geschichten, das zeitgleich in der Kleinstadt kursiert. Die Bewohner machen sich ihre Gedanken, sie spekulieren, tratschen, wie überall und bilden damit einen anonymen Gegenpart zur dominierenden Erzählstimme, die ein Kollektiv aus den Jüngeren des Hauses repräsentiert, das die Geschichten gleichsam an die LeserInnen weitergibt. Niemand tritt explizit als Erzähler hervor und beansprucht die Deutungshoheit, viel mehr wird bei Osondu auch die Dynamik einer Geschichte sichtbar, die sich unter ganz verschiedenen Einflüssen formt. Leerstellen werden mit dem Erzählen gefüllt und nützliche Lehren aus den Schicksalen der anderen gezogen, das Erzählen ist ein prozessualer Akt. Es ist kein Erzählen, das den Einzelnen und seine individuelle Lage heraushebt, sondern eines, das den Einzelnen in die ihn umgebende Gruppe einbindet.

Um die Schicksale der Bewohner rankt sich die größere Erzählung des Hauses, die die Klammer des Textes bildet. Er beginnt mit „Wie das mit dem Haus anfing“ und endet mit „Wie das mit dem Haus zu Ende ging“. Wirklich zu Ende jedoch kann es nur schwerlich gehen mit einem Haus, das selbst, nachdem es längst verlassen am Straßenrand steht, noch immer von einem Zauber umgeben ist. In einem letzten Aufbäumen bringt das Haus der Familie sogar die Planierraupe des mit dem Abriss betrauten Bauunternehmens kurzfristig zum Schweigen.

Die Geschichten wirken nach. Immer.

E.C. Osondu – Dieses Haus ist nicht zu verkaufen. Wunderhorn Verlag, 2017