Writing in Migration – First African Book Festival Berlin

Babylon Kino

Was ist „Afrikanische Literatur“? Und was vielleicht auch nicht? Gibt es da etwas, einen Stapel Bücher, um den ich einen Zaun ziehen kann, die sind drin, andere nicht? Oder ist es nicht viel mehr so, wie es doch immer ist: Es gibt Grenzen, aber nur subversive.

„African literature is an erotic crime drama genre with some nodding to historical facts.“, beantwortet Kuratorin Olumide Popoola die Frage ironisch. Denn klar, die Texte der über 30 geladenen Autorinnen und Autoren sind so unterschiedlich wie diese selbst, so vielfältig, wie die 55 afrikanischen Länder des Kontinents. Vom (scheinbar) klassischen Roman, über Satire und Poesie, hin zu reportage-ähnlichem Stil bis zum brutalen Kriminalroman produzieren Autorinnen und Autoren, die man mit dem afrikanischen Kontinent in Verbindung bringen kann, genauso zahlreich und facettenreich wie solche aus Europa. Warum auch nicht? Das Afrika kein geschichtsloser Kontinent ist, sollte unterdessen doch jedem bekannt sein und so ist es eben auch kein Geschichtenloser Kontinent. Ganz im Gegenteil. Die orale Erzähltradition, in der die Geschichten mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden, hält einen unheimlich umfassenden Schatz an zu Erzählendem bereit. Und so verwundert es nicht, dass, wie Headliner Chris Abani aus Nigeria in seiner Keynote zum Auftakt des Festivals bemerkt, Autorinnen und Autoren aus dem Norden Nigerias jedes Jahr rund 4000 Bücher in ihrer Sprache Hausa publizieren. Nur was davon kommt hier an? Die Kardinalfrage!

„Warum schreiben Sie nicht in Ihrer Muttersprache?“, hieß es sofort auf dem Panel „The Language Question.“ Die wohl meistgestellte Frage an Autorinnen und Autoren aus Afrikanischen Ländern. Ja, warum seid ihr nicht ein wenig exotischer, ihr Lieben? Warum macht ihr euch gleich, mit euren ehemaligen Kolonialherren und eignet euch deren Sprache an? „Ich schreibe in der Sprache, in der ich mich wohl fühle, ausdrücken kann, gut schreiben kann.“, sagt JJ Bola, der aus dem Kongo stammt aber auf Englisch (und nicht der Kolonialsprache Französisch, na sowas) schreibt, dazu. Es geht um die Geschichte, dass die ihren Weg in die Welt findet, „in whatever language.“ Genau.

Und Wie Helon Habila so schön sagte: „Just because I am writing in Englisch, I do not start writing like Shakespeare. It’s about the tone, the voice that you have to find, and that voice comes out of your identity as an Nigerian, or Kenyan, or South African. You bring an aesthetic. And everything you do with the language is politicized.“

„I don’t stop being an african, just because I leave africa.“ JJ Bola.

Und am Ende: Wer soll es übersetzen? Oder kann hier jemand Hausa lesen? Swahili?

Der Sohn des gern als „Literaturnobelpreisanwärters“ bezeichneten Ngugi wa Thiong’o, Mukoma wa Ngugi, ist Mitbegründer eines Kenyanischen Literaturpreises, der jedes Jahr drei Autorinnen und Autoren auszeichnet, die auf Swahili schreiben, um ihnen die Übersetzung ins Englische und andere afrikanische Sprachen zu finanzieren. Denn ja, so sagt er im Interview, die sprachliche Tradition des afrikanischen Kontinents ist wertvoll und sollte gepflegt werden, aber die Geschichten müssen auch den Menschen anderer Sprachräume zugänglich sein.

Minna Salami und Mukoma wa Ngugi

Kommen wir noch mal zum Exotismus. „Decolonizing the Mind“, ein Schlüsselwerk von, natürlich, Ngugi wa Thiong’o. Diskutiert von seinem Sohn mit Minna Salami, zum gefühlt hundertsten mal in den vergangenen 30 Jahren, und doch noch lange nicht oft genug. „What we need is not just to decolonize our minds, but also to decolonize literary critics.“ Mukoma wa Ngugi.

Denn während die Literaturkritik Autorinnen und Autoren aus Afrika seit mehreren Jahrzehnten die gleichen Fragen stellt, beschäftigt sich die junge Generation der Schreibenden längst mit neuen, globaleren Themen im Kontext ihrer Identität und der eigenen Geschichte.

In den Büchern und auf den Panels ging es um die Komplexität von Identitäten, um Zuschreibungen und den Umgang damit, um das Erzählen von Geschichten außerhalb von Eurozentrismus, um feministische Bewegungen und Verhandlungen von Genderrollen. Es ging um den Diskurs über Migration und Flucht. Um „Motion“, wie Yewande Omotoso sagte. Bewegung. Während Menschen der südlichen Regionen Migranten oder Flüchtlinge sind, sind Menschen nördlich davon Reisende. Auswanderer. Lustige TV-Format-Kandidaten. Das festzustellen sollte uns zumindest nachdenklich stimmen. Darum ist das M-Word für die in Babados geborene, in Nigeria aufgewachsene und nun in Südafrika lebende Omotoso auch nicht „Migration“ sondern „Motion“, der Schlüssel in unser aller Leben. In Bewegung bleiben, Stillstand als Tod, Bewegung auch im Kopf. Das hat dieses Festival ganz sicher erreicht, es hat Bewegung gebracht in die Gedanken, in das Denken über vermeintlich Andersdenkende und die Sicht auf Fragen eröffnet, die ich als weiße Frau aus Europa mir niemals gestellt hätte, die für andere aber das Dasein bestimmen können.

Jessica Horn, Chika Unigwe

„If you want to depatriarchalize your life then you’re my brother. But if you just wanna attend an event because a couple of cute chicks are gonna be there, then shut up.“, sagte Jessica Horn auf dem Panel „The F-Word“, womit wir wieder beim Exotismus wären. Wenn schon Europäische Frauen in Rezensionen als „Gutaussehend“ statt meinetwegen “Sehr begabt” eingeführt werden, was dürfen sich dann wohl Women of Colour anhören? Fragen Sie Jessica Horn @stillSHErises!

Decolonize literary critics.

Michaela Maria Müller, Ayòbámi Adébáyò, Olumide Popoola und Elnathan John

Und, was Elnathan John sagt: „How can we make feminism more sexy to young men?“ Halt! Ein Mann auf einem Feminismus-Panel? Vielleicht ist man anderswo ja doch schon weiter als wir?

„I felt a bit disconnected“, sagt Jessica Horn zu einer in Amerika geführten Debatte „because in Africa we have a quite strong trans feminist movement. And we have discussions understanding gender more nuanced.“ Hätten Sie es gedacht? Tellerrand und so.

„I don’t understand why we need Feminism.“, sagt ein Mann im Publikum. „My mother raised me all alone, she did everything for us! I do estimate her so much! Men do estimate Women.“

Klar. „But would you also estimate a woman who do not want to raise children?“ Jessica Horn.

Das African Book Festival im Babylon war ein blowup of minds. So viele kluge, reflektierte Menschen, so viele kluge Worte und Gedanken und: so viele interessierte Besucherinnen und Besucher. Ein Fest. Die Friedrich Ebert Stiftung lud im Anschluss an ein von ihnen präsentiertes Panel zu Nigerianischen Häppchen und einem Freigetränk, was will man mehr? Genau, noch so ein Festival! Wird es im nächsten Jahr geben, sagt Stefanie Hirsbrunner, die zusammen mit Karla Kutzner als Agentur InterKontinental all dies möglich machte.

Stefanie Hirsbrunner, Karla Kutzner und Olumide Popoola bei der Abschlussveranstaltung

Im nächsten Jahr dann ein anderer Sprachraum, Englisch zum Start, nächstes Jahr vielleicht Shona?