2014-12-04-12-00-37Max Annas ist Autor von bald drei Kriminalromanen „Die Farm“, „Die Mauer“ und „Illegal“, von denen die ersten zwei in Südafrika spielen und das politische und gesellschaftliche Klima erschreckend genau aufgreifen. Durch seine präzisen Beobachtungen zeichnet er das Leben der Menschen nach, nie, ohne unterschwellig durch das Gezeigte stets auch die Politik(-er) des Landes an den Pranger zu stellen.

Von 2008 bis Mitte 2015 lebte er in Südafrika, um dort an einem Forschungsprojekt zu arbeiten. Während seiner Jahre dort starb der wohl bekannteste Südafrikaner, Symbolfigur und Politiker, Freiheitskämpfer und ANC Mitbegründer, Nelson Mandela. Starb mit ihm auch ein Funken Hoffnung für das Land am Kap? Über die aktuellen politischen Entwicklungen und die Zeit seit Mandelas Abdankung sprach der Autor mit LitAfrika:

Was hat Sie nach mehr als sieben Jahren zurück nach Deutschland getrieben?

Ich habe dort an einem Forschungsprojekt gearbeitet, dass ich noch nicht habe beenden können. Im Jahr 2015 hat die südafrikanische Regierung ein „Immigration Law“ erlassen, das es mir unmöglich machte, mein Arbeitsvisum zu erneuern. Also habe ich mein Projekt mitgenommen und hoffe nun, wenn Geld da ist, es beenden zu können.

In Südafrika kennt man Sie also auch nicht als Schriftsteller?

Ich habe dort angefangen zu Schreiben. Das Land ist sehr dankbar für einen Autoren. Doch veröffentlicht habe ich dann in Deutschland das erste Buch, bisher auch nur in Deutsch, doch ich hoffe, dass sich das bald ändern wird. Ich wäre sehr gespannt auf die Reaktion auf meine übersetzten Romane in Südafrika.

In Ihren Romanen zeichnen Sie ein kritisches Bild des Landes. Glauben Sie, dass Südafrika seit Mandelas Abdankung als Präsident 1999 eher Rückschritte macht, oder sehen Sie vor allem Fortschritte?

Ich glaube, dass schon Mandelas Präsidentschaft selbst ein Rückschritt war. Mandela war im Kampf gegen die Apartheid ein sehr wichtiges Symbol und weniger eine politische Figur. Meiner Meinung nach wäre Cyril Ramaphosa der naheliegende Präsident gewesen, heute ist er unter Zuma Vizepräsident. Dennoch hat Mandela mit seiner Symbolwirkung natürlich für einige positive Veränderungen gesorgt, allerdings hat er mit der Ernennung von Thabo Mbeki zu seinem Nachfolger ein schreckliches Signal in sein Land gesendet. Mbeki ist mit seiner ignoranten HIV- und Aids-Politik verantwortlich für zahllose Tote. Er hat die Existenz der Krankheit abgestritten und statt Medikamenten seine Gesundheitsministerin Rote Beete zur Therapie empfehlen lassen. Unabhängig davon war Mbeki auch als Präsident mit seiner wirtschaftsfreundlichen den Millionen Armen keine ernsthafte Hilfe. Jacob Zuma, der aktuelle Präsident, ist allerdings auch nicht besser. Dessen Interesse als Regierungschef ist nur der eigene Reichtum.

Wie sieht es beim Thema Rassismus aus?

Die Apartheid ist offiziell seit 1994 vorbei, als der ANC die Macht übernahm, doch Generationen, die in einem solchen System aufgewachsen sind, können dieses Denken nicht einfach abschütteln. Rassismus ist heute allgegenwärtig. Die Verachtung der armen Schwarzen durch die Weißen ist an allen Ecken greifbar. Schon der Spruch: „Since the Blacks took over…“ der oft nicht einmal vervollständigt wird, steht für typisch weißes rassistisches Denken. Ich als Weißer bin ständig in dieses Reden eingemeindet worden. Sie glaubten, ich würde genauso denken und haben deswegen sämtliche Vorurteile mir gegenüber geäußert, so bekam ich das alles hautnah zu spüren.

Aber auch innerhalb der Afrikanischen Bevölkerung des Landes ist das Problem der Xenophobie stark verbreitet. Der permanente Machtkampf innerhalb des ANC verläuft an ethnischen Linien entlang zwischen Xhosas und Zulus. Und dass ein ehemaliger Regierungssprecher Zumas davon faselte, die Coloureds des Landes umsiedeln zu lassen, weil sie dort, wo sie leben, nicht den ANC unterstützen, verweist auf das virulente rassistische Misstrauen der Schwarzen gegenüber den Coloureds. „Relocation“, als Umsiedlung, ist ein Begriff, der in Südafrika mit der Apartheid verbunden wird.

Ist der ANC in Ihren Augen dennoch alternativlos?

Der ANC ist, wenn man es mal beim Namen nennen möchte, eine sehr weit rechts stehende politische Partei. Ein ANC-Politiker, der vor ein paar Jahren gefordert hatte, „alle Inder“ im Land zu enteignen, hat damit seine Karriere eher gefördert als sie zu beschädigen. Um eine echte Alternative für Südafrika zu finden, muss das ganze Land zuerst verstehen, wie kaputt, korrupt und vor allem wie rücksichtslos der ANC wirklich ist. Das wird im Land selbst nicht unbedingt so gesehen, da der Partei natürlich immer noch der Freiheitskampf-Mythos anhängt. Die historische Rolle der Partei ist im Moment jedenfalls noch recht unverschiebbar festgeschrieben.

Glauben Sie, dass mit Mandela 2013 auch ein Stück des Symbols gestorben ist?

Ich glaube, dass das schon lange vor seinem Tod der Fall war. Mandela selbst hatte natürlich auch schon länger keinen Einfluss mehr auf den ANC oder die Politiker des Landes. Aber wenn die Menschen sein Symbol weiter im Herzen tragen möchten, wird das Symbol Mandela auch noch viele Jahre überdauern, trotz des Todes des leibhaftigen Mandela.

Die wesentliche Frage, die Südafrika gerade umtreibt ist aber, wie geht es weiter mit dem ANC und vor allem mit Jacob Zuma? Mittlerweile, und das ist neu, gibt es selbst innerhalb des ANC Kräfte, die Zuma loswerden wollen, weil sie sehen, dass die Partei mit ihm an Macht und Zustimmung verliert. Bisher war es ja eher so, dass die Plünderer in der Partei den Präsidenten solange unterstützt haben, weil sie so eben plündern konnten. Jetzt sehen sie ihre Möglichkeiten in Gefahr, weil Zuma den ANC schwächt. Allerdings ist unklar, ob und wie es weiter gehen würde.

Die einen wollen, dass Zuma sofort abtritt. So könnte der ANC leicht gestärkt neu anfangen und weiter plündern. Oder man wartet bis 2019, bis neu gewählt wird und nimmt in Kauf, dass die Partei bis dahin viel an Zustimmung verliert. Auch ist ja noch gar nicht klar, wer danach kommen kann. Steigt der Vizepräsident Ramaphosa auf, hätte das Land immerhin einen Präsidenten, der in den letzten 20 Jahren genügend Geld auf die Seite geschafft hat, um sein Amt frei von Selbstbereicherung auszufüllen.

 

Vielen Dank für das Interview!