mabanckou_morgen-zwanzigMit Kinderaugen im Kongo

– Der zehnjährige Michel lebt mit seiner Mutter Pauline – einer Zweitfrau – in dem von seinem Stiefvater Roger für sie gekauften Häuschen in Pointe-Noire, in der Republik Kongo. Ende der 70er Jahre ist das Land beinahe 20 Jahre unabhängig, steckt nach einem brutalen Krieg in einer Diktatur unter Mobutu Sese Seko fest und wird zerfressen von Korruption und politischer Willkür. Der preisgekrönte frankophone Autor Alain Mabanckou, der in diesem Jahr für den Man Booker International Prize nominiert war, schaut auf all das mit den Augen eines Kindes und schafft ein liebevolles Porträt seiner Heimat, mit viel Komik, einem Sinn für Details und jeder Menge Widersprüche.

Gerade erst haben Michel und seine Freundin Caroline sich als verheiratet erklärt und Träume über den zukünftigen Kauf eines roten Fünfsitzers und eines schneeweißen Hundes ausgetauscht, da wird dem Mädchen klar, dass sie sich doch mehr für den zwei Jahre älteren Mabélé interessiert. Zusammen mit seinem besten Freund, dem Bruder Carolines, schwankt Michel zwischen Traurigkeit und dem Wunsch, sie zurück zu gewinnen. Sein Weg führt ihn zum Lyriker Arthur Rimbaud, dessen Gedichtsammlung Papa Roger im Schlafzimmer der Eltern zusammen mit anderen Büchern als Zeitvertreib für den Lebensabend hortet. Er spricht mit dem Foto des Lyrikers als sei er ein Freund, muss das dünne Bändchen aber stets ordentlich zurück an den genau gleichen Platz im Stapel schieben, damit sein Vater nicht merkt, dass Michel seine Bücher liest. In der Schule lesen sie nur ein Buch, das des Präsidenten, aber Michel muss doch Caroline beeindrucken, will er sie nicht an Mabélé verlieren.

Papa Roger, der eigentlich der Stiefvater des Jungen ist, arbeitet in einem Hotel und bekommt dort immer mal wieder etwas von den Stammgästen geschenkt. Eines Tages sogar ein Radio, über das das aktuelle Weltgeschehen zu der kleinen Familie nach Hause kommt. Niemandem darf Michel erzählen, dass sie dieses Radio haben, denn es ist ein ganz neues, mit dem man auch aufnehmen und Kassetten abspielen kann. Doch am häufigsten nutzt Papa Roger es, um einen amerikanischen Nachrichtenkanal zu hören, auf dem der immer gleiche Moderator – Roger Guy Folly – das aktuelle Weltgeschehen kommentiert. So bekommt Michel mit, wie die Vietnamesen über die Grenze nach Kambodscha ziehen, und die roten Khmer vertreiben und fragt sich, ob die Nachbarn der kleinen Republik Kongo mir seiner Heimat wohl das selbe machen könnten? Auch der Sturz des persischen Schahs beschäftigt den Zehnjährigen. Er zieht von Land zu Land auf der Suche nach Asyl, niemand will ihn aufnehmen – doch der brutale Diktator Idi Amin Dada kann nach seinem Ende in Saudi Arabien im Swimmingpool seine Bahnen ziehen.

Es ist beeindruckend, wie Mabanckou die Kindersicht einnimmt und weltpolitische Ereignisse mit den Augen eines Jungen kommentiert und bewertet, wie er Michel auf emotionaler Ebene Ungerechtigkeiten wahrnehmen lässt und Absurditäten erkennbar macht. Er geht dabei nie über die Grenzen des Verstehbaren hinaus, zur Not steht Papa Roger für Erklärungen zur Verfügung – oder Mama Pauline, wenn es um Kindersterblichkeit, Polygamie und Fetischeure geht.

Denn auch das ist Realität im Kongo, noch heute.

Michel hat zwei ältere Schwestern, seine Stern-Schwester und die Namenlos-Schwester, die beide direkt nach der Geburt verstarben. Er träumt oft von ihnen und hat sogar den Wunsch, herauszufinden, wo sie begraben sind. Auch bei ihm schien das Krankenhauspersonal darauf zu warten, dass das Baby aufhört zu atmen, doch Michel kann gar nicht verstehen, warum man so früh schon an die Himmelspforte klopfen sollte und blieb am Leben.

Als einziges Kind seiner Mutter fordert er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, glaubt, sie vor bösen Männern schützen zu müssen und gibt mit diesem Verhalten einem Fetischeur Anlass zu behaupten, Pauline könne keine Kinder mehr bekommen, weil Michel den Schlüssel zu ihrem Bauch versteckt habe.

Zur Sorge um seine zwölf-jährige Freundin, gesellt sich nun auch noch das Schuldgefühl. Seine Eltern, seine Freunde, sogar Caroline, glauben an die Worte des Heilers und verlangen von Michel den Schlüssel zurück. Was folgt ist komisch und tragisch zugleich.

Mabanckou
(c) Sophie Sumburane

„Morgen werde ich zwanzig“ ist ein liebevoller Roman, der zeigt, wie widersprüchlich Michels Welt – die zugleich unsere Welt ist – ist. Nicht nur angesichts der Nachrichten von Roger Guy Folly, auch in der eigenen Familie. Mama Paulines Bruder, Onkel René, hat sich selbst zum kapitalistischen Kommunisten erklärt und ist vor allem damit beschäftigt, Zäune um seinen Reichtum zu errichten und neuen anzuhäufen. Dass die Menschen, die er liebt, um ihn herum fast nichts haben, will er nicht sehen. Während seine Kinder elektrische Autos oder Fahrräder zu Weihnachten bekommen, schenkt er seinem Neffen immer dasselbe: Einen Lastwagen, eine Schaufel und einen Rechen, zum Bauer spielen, zum Arbeiter werden. In seinem Wohnzimmer hängen Bilder von Karl Marx und Friedrich Engels, vom „unsterblichen Marien Ngouabi“ und von Victor Hugo. Letzterer jedoch muss schon bald seinen Platz räumen, als Tonton René herausfindet, dass der Dichter bei einer Konferenz 1879 schlecht über Afrika gesprochen hat.

Mit seinem 2010 erstmals in Frankreich erschienenen Roman gelingt es Mabanckou wunderbar zu zeigen, wie die Welt sich wandelt und voller Widersprüche steckt. An manchen Stellen wirkt die Kindersicht ein wenig zu gewollt – doch Alles in Allem ist diese Erzählperspektive stimmig und vor allem voller Witz und Ironie. Die Geschichte um Michels Liebe, den Kinderwunsch seiner Mutter und die Spiele mit seinem Freund verwebt Mabanckou gekonnt mit historischen Ereignissen, wirft dabei immer wieder auch einen Blick auf das koloniale Erbe des Landes und rechnet wie nebenbei auch noch mit dem Diktator Mobutu Sese Seko ab. Ein politisches Buch, das auch eine Adoleszenzerzählung ist und beinahe kein Problem einer noch jungen Republik Kongo auslässt. Dank des kleinen Michels als Erzähler, den Mabanckou so liebevoll zum Leben erweckt, und der den Leser noch lange nach dem Weglegen des Buches beschäftigt, ist die Geschichte bei aller schwere der Themen, dennoch leicht und witzig, klug und literarisch.