(c) Sophie Sumburane
(c) Sophie Sumburane

Manred Loimeier – Herausgeber, Kulturredakteur, Übersetzer, Dozent für afrikanische Literaturen.

Aktuell ist Manfred Loimeier als Herausgeber einer Afrika-Reihe für den Horlemann Verlag aktiv. Über seine Motivation und einiges mehr zum Thema „Literaturen aus Afrika“ hat er nun mit LitAfrika gesprochen:

Wie sind Sie zum Horlemann Verlag gekommen?

Loimeier: Ich bin schon seit 25 Jahren als Journalist tätig, schreibe Rezensionen für Zeitungen, Zeitschriften und den Hörfunk und habe dadurch auch an unterschiedlichen Projekten für die Gesellschaft zur Förderung der Literaturen aus Afrika, Asien und Lateinamerika (LitProm) gearbeitet. Darunter auch als Übersetzer und alles vor allem für Literaturen aus Afrika. Daneben wohnte ich in der Nähe von Frankfurt. Das war für mich praktisch, denn die meisten AutorInnen, die nach Deutschland kamen, kamen über Frankfurt. So konnte ich mich mit vielen treffen und viele interessante Interviews führen. Für mich waren dabei immer wieder die Gespräche an sich sehr viel interessanter, als das fertige Interview. Denn aus Platzgründen war es nie möglich, all die wichtigen Sachen unterzubringen, die die AutorInnen zu sagen hatten. Daraus ist schließlich mein erster Interviewband „Wortschätze“ entstanden, in dem ich die ungekürzten Gespräche gesammelt habe. Für diesen Band ging ich dann auf Verlagssuche und stieß nach einiger Zeit eben auf Frau Horlemann. Daraus ergab sich dann zehn Jahre später der Start der Afrika Reihe.

Wonach haben Sie die Bücher für die Reihe ausgewählt?

Loimeier: Wichtig für mich war vor allem, einen sprachlichen Gegenpunkt zu dem zu setzen, was in den vergangenen Jahren überwiegend übersetzt worden ist: Meiner Meinung nach vor allem Literatur aus dem englischsprachigen Afrika. Natürlich gibt es sehr viele interessante Stimmen aus dem südlichen Afrika, aber eben nicht nur. Ich will eine gewisse sprachliche Ausgewogenheit erreichen.2016-11-25-12-15-12

Bofane war schon länger auf meiner privaten Hitliste, allerdings war ich nicht sicher, ob das Konzept des „Mathematik Kongolese“ in Deutschland vermittelbar ist. Ob der Humor ankommen konnte. Aber genau das ist ja auch ein Aspekt der Literatur, Dinge zu vermitteln, die neu und anders sind. Und schließlich fand sich der Roman auf der Übersetzungsempfehlungsliste der LitProm und es war für mich beschlossene Sache.

Christopher Mlalazi ist nun auch ein anglophoner Autor, doch einer, der mir schon sehr früh ins Auge gestochen ist: schon 2010 hatte ich erste Kontakte zu seinem Verlag, der mir das Manuskriot zu lesen gab. Es ist ein sehr schönes Buch.

Lärmendes Schweigen, des Autors aus Ruanda erschien pünktlich zum Hintergrund „20 Jahre Genozid in Ruanda“. Als Journalist weiß ich, dass es oft einen Aufhänger braucht, um einen Autoren für eine Rezension herauszugreifen. Dabei soll die Literatur nicht rein politisch oder historisch, sondern auch literarisch sein. „Das lärmende Schweigen“ ist das alles, es ist ein sehr feinfühliger Roman. Im Vordergrund steht der Umgang mit traumatischer Geschichte, traumatischen Erlebnissen und dessen Bewältigung. Mit seinen zwei Positionen, der Frau, die über alles reden möchte und dem Jungen, der Verstummt ist, kann das Buch auch beispielhaft für andere ähnliche Erfahrungen und dem Umgang damit stehen. Wie soll man über etwas sprechen, das man am liebsten verdrängen möchte? Diese Frage stellt sich auch heute wieder vielen Opfern.

Das aktuellste Buch der Reihe stammt aus Südafrika: „Der Karton“. Der Autor ist Journalist und hat hier sein Debüt vorgelegt, in dem er aus der Innenperspektive beschreibt, wie sich die Apartheid entwickeln konnte. Im Mittelpunkt steht ein Beführworter der Apartheid-Politik, der Autor versucht nachvollziehbar zu machen, was dessen Beweggründe sind. Einen Aufhänger findet man auch hier: 20 Jahre freie Wahlen in Südafrika. Das Thema des Buches liegt aber auf einer ganz anderen literarischen Ebene.

Für folgende Bücher wäre mein Wunsch, Titel aus dem italienisch- oder spanischsprachigen Afrika zu publizieren. Allgemein ist mir eine sprachliche Balance sehr wichtig. Mehr als zwei Titel im Jahr sind allerdings nicht machbar, einmal natürlich der Arbeit wegen, allerdings auch leider, dem Interesse der Leser geschuldet.

Wie stark greifen Sie als Herausgeber in die Entstehung/ Übersetzung des Buches ein?

Loimeier: Gern würde ich wieder selbst übersetzen, im Moment fehlt mir aber schlicht die Zeit. Die Auswahl der Übersetzer ist im Moment eine Arbeitsteilung zwischen mir für die frankophonen Titel und der Verlegerin des Horlemann Verlags, Anja Schwarz für die anglophonen Titel. Da ich die Übersetzerin, mit der ich arbeite, Katja Meintel, gut kenne und weiß wie sie arbeitet ist es so, dass ich in ihren Stil überhaupt nicht eingreife. Höchstens kleinere Korrekturen, eben ein Lektorat. Ich versuche stets das Eingreifen so gering wie möglich zu halten, nur wenn ich merke da liegen grundsätzliche Probleme vor, greife ich wirklich ein.

Wie ist eigentlich Ihre Leidenschaft zu afrikanischer Literatur entstanden?

2014-03-15-17-24-56Loimeier: Durchs Reisen. Wenn ich in den Urlaub fahre, habe ich die Angewohnheit, die Literatur des Ziellandes zu lesen. Man erfährt auf diese Weise sehr viel darüber wie Menschen denken und fühlen. Was sind primäre Themen des Landes, was beschäftigt die Bevölkerung? Literatur ist eine ganz hervorragende Methode, die Menschen fremder Kulturen zu verstehen. Meine frühere Freundin, also die ich vor Jahrzehnten hatte, war als Praktikantin in Südafrika, was ich zum Anlass genommen habe, das Land zu besuchen. Das könnte man als meinen Erstkontakt mit den Literaturen aus dem südlichen Afrika bezeichnen. Zuvor war ich eher in Nordafrika, also dem arabischer Raum unterwegs. Seit dem habe ich sehr viel afrikanische Literatur gelesen und mich schließlich auch für meine Arbeit als selbstständiger Rezensent dafür zu spezialisieren. Daher rührt bis heute meine Konzentration auf Literatur aus Afrika.

In wieweit spielt Ihre Arbeit als Rezensent in Ihre Arbeit als Herausgeber herein?

Loimeier: Das geht natürlich sehr eng in einander über. Einerseits arbeite ich nach wie vor journalistisch über afrikanische Literaturen. Die Herausgabe des Interview-Bandes hat mich selbst aber nochmal sehr stark voran gebracht, denn durch die Gespräche und meine Transkriptionen der Interviews wurde das Kennenlernen viel intensiver. Es erschließen sich beim Lesen der Interviews nochmal komplett neue Dimensionen. Als ergäbe sich zwischen den Interviews nochmal ein neues Gespräch, als würden die Autoren im Band miteinander sprechen und sich so gegenseitig ergänzen. Da habe ich gemerkt, als Journalist bleibt man doch immer nur an der Oberfläche. Durch sehr viele Interviews und Texte war ich zwar in der Breite sehr gut aufgestellt, hatte jedoch immer stärker den Wunsch, das auch zu vertiefen. Durch meine Promotion in Bayreuth habe ich der journalistischen, dann noch eine wissenschaftliche Perspektive hinzugefügt. Und beides verbinde ich nun in meiner Herausgeberschaft. Aus dem Grund ist es mir auch wichtig, den Büchern ein Nachwort zu geben. Nicht, weil ich irgend etwas erklären möchte, sondern weil ich hoffe, so die Rezeption des Textes zu beeinflussen. Ich möchte, dass über das Buch auf dem gleichen Stand in Deutschland diskutiert wird, wie in anderen Ländern, wo es schön länger präsent ist. Dafür ist es immer sinnvoll, den Rezensenten Material an die Hand zu geben.

Welches Ziel verfolgt der Verlag und vor allem natürlich Sie, mit dieser Afrika-Reihe?

Loimeier: Der klassische Ansatz: Es geht darum, den Kontinent, der noch immer im Schatten der globalen Entwicklung steht, eine Stimme zu verleihen. Ich bin mir klar darüber, dass in dieser Aussage auf der einen Seite eine Art „vermessener Ton“ mitschwingt. Auf der anderen Seite braucht es aber schon ein besonderes Engagement um die Stimme dieser Länder hier auf dem Markt zu positionieren. Es ist extrem schwierig. Ich arbeite auch für Indra Wussow, die im Wunderhorn Verlag die Afrika-Wunderhorn Reihe heraus gibt und von daher weiß ich, wie mühselig dieses Geschäft ist. Man stößt immer noch auf Vorbehalte. Von daher kann vielleicht als Ziel formuliert werden: darauf hinzuweisen, dass es gute Literatur ist, die dort geschrieben wird, und das die AutorInnen dieses Kontinents viel Wichtiges zu sagen haben. Um im Namen von Verlegerin Anja Schwarz zu sprechen, ist es für Horlemann sicher auch eine Art Bündeln des Engagements, dass es seit Jahren im Verlag gibt. Um deutlich zu machen, was schon alles geleistet wurde und wird. Durch eine Reihe wird es ein wenig augenfälliger.

Sie haben jetzt auch den Wunderhorn Verlag mit seiner Reihe angesprochen. Wo sehen Sie die Unterschiede, zwischen AfrikaWunderhorn und der Horlemann-Reihe?

Loimeier: Im Programm des Wunderhorn Verlags ist eine gewisse Konzentration, obwohl das schon wieder fast2016-11-25-12-50-27 übertrieben ist, auf die AutorInnen aus dem südlichen Afrika zu erkennen. Der Anteil ist am größten. Das ist vollkommen logisch, da Indra Wussow in Johannesburg lebt. Dort kommen auch ganz tolle Bücher her. Im Grunde genommen könnte man sich sogar auf eines der Länder beschränken und hätte einen großen Pool an wirklich guten Büchern. Von daher ist mein Ziel, ergänzend, eher in die anderen Regionen zu blicken. Das ergibt sich bereits aus dem Ansatz, andere Sprachen mit herein zu bringen. Ansonsten hoffe ich eigentlich eher auf Synergien. Die Hoffnung, dass ein Buch, das in einem Verlag gut läuft, das generelle Interesse an der Literatur aus Afrika weckt und somit auch auf die jeweils andere Reihe ausstrahlt. Oder auf noch ganz andere Verlage, wie Peter Hammer, die auch sehr viel machen. Oder der A1 Verlag, wo sich auch gute AutorInnen finden. Ich hoffe, wir profitieren voneinander und stellen uns nicht in Konkurrenz.

Aktuell gibt es immer mehr Verlage, die Titel afrikanischer AutorInnen herausbringen. Zeichnet sich für Sie da gerade ein neuer Trend ab?

Loimeier: Das ist eine Frage, die ich gerne höre. Seit ich mich damit beschäftige, spricht man vom Boom afrikanischer Literatur. Seit 25 Jahren. Allerdings steht meiner Meinung nach der große Boom noch immer aus. Es gibt natürlich ein nachhaltiges Interesse, dass über die Jahrzehnte gewachsen ist, aber auf einem sehr niedrigen Level. Andererseits ist die Art, wie man mit der Literatur aus Afrika umgeht, in der Qualität erheblich besser geworden. Früher war es eher so, dass man diese Bücher gelesen hat, weil man mehr über Politisches erfahren wollte, oder aus ethnografischem Interesse. Das spiegelt natürlich immer unsere europäische Sicht auf Afrika und hat manchmal dazu geführt, dass Bücher erschienen sind, die literarisch nicht besonders gut waren. Das hat sich mittlerweile geändert, die literarische Qualität ist viel deutlicher in den Vordergrund getreten. Die Bücher erscheinen heute auch in einer hochwertigeren Form, gebunden, mit Lesebändchen, nicht mehr nur als Taschenbuch. Daraus lässt sich ablesen, dass sich die Einstellung gegenüber der AutorInnen geändert hat. Man hat es heute mit einem Produkt zu tun, dass literarisch überzeugen soll und eben auch überzeugen kann.

Ich würde aber nicht von einem Boom, oder Hype sprechen. Es ist nach wie vor ein kleines Segment, in dem sich die Qualität aber erkennbar verbessert hat. Man hört eher hin, was die Autoren zusagen haben.

Vielen Dank!